Leitungsauftrag

Gewählte Älteste leiten für eine bestimmte Zeit die Kirchengemeinde. Sie bilden gemeinsam eine besondere Leitungsgemeinschaft, den Gemeindekirchenrat. Dieser trägt Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen in der Gemeinde.

Zu den zentralen Aufgaben gehört es:

  • die gute Nachricht von Jesus Christus (Evangelium) in den unterschiedlichen Lebenszusammenhängen der Gemeinde erfahrbar werden zu lassen,
  • Visionen zu entwickeln und nach Möglichkeit in konkrete Vorhaben und Ziele zu übersetzen,
  • Kräfte zu bündeln und gemeinsam Lösungen für Hindernisse und Schwierigkeiten zu suchen,
  • konstruktive Formen der Kritik einzuüben und immer wieder Konsens oder Kompromisse zu finden.

Eine solche Leitung braucht eine stabile Basis: gegenseitiges Vertrauen, Offenheit und mutige Beweglichkeit – für die Zusammenarbeit im Gremium ebenso wie für alle, die auf die Arbeit der Gemeindeleitung bauen.

Die Ältesten leiten die Kirchengemeinde. Diese kann verschiedene Gestalten haben, auch der Blick auf diese Gemeinde kann sehr verschieden sein:  

  • Als Institution – eine dauerhafte, rechtlich anerkannte Gemeinschaft. Jede Kirchengemeinde ist heute eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das bringt bestimmte rechtliche Anforderungen, klare Verfahren und Verantwortlichkeiten mit sich.
  • Als Bewegung – eine lebendige Gemeinschaft, die durch die Gaben und Ideen von Menschen für eine Zeit gestaltet wird.
  • Als Organisation – wie schon in biblischer Zeit müssen organisatorische Fragen geklärt werden: Wer übernimmt Verantwortung? Wie werden Aufgaben verteilt, Geld gesammelt oder Konflikte gelöst?

Leitung umfasst daher sowohl die geistliche Orientierung als auch organisatorische Fragen.

Die evangelische Kirche ist presbyterial-synodal geordnet. Das bedeutet: Leitung geschieht nicht durch Einzelne, sondern durch gewählte Gremien auf Zeit.

  • In der Gemeinde: der Gemeindekirchenrat (GKR),
  • im Kirchenkreis: der Kreiskirchenrat,
  • in der Landeskirche: die Kirchenleitung.

Leitung ist immer gemeinsame Verantwortung, getragen von Vielen.

Alle Leitungsgremien wirken an einem Auftrag mit. Dieser ist in der Grundordnung formuliert: die in Jesus Christus geschehene Versöhnung Gottes mit der Welt zu bezeugen und Menschen in diese Versöhnung einzuladen (Grundordnung GA II,2).

Die Geistkraft Gottes (der Heilige Geist) verbindet Menschen, schenkt Gemeinschaft und zeigt sich in den unterschiedlichen Gaben und Diensten. Kein Amt steht über einem anderen, alle Aufgaben sind gleichwertig.

Damit Leitung gelingt, braucht es die Vielfalt der persönlichen Gaben und Erfahrungen.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Strukturen schaffen, anleiten, vernetzen, begeistern,
  • Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenzen,
  • Fachkenntnisse in Verwaltung, Finanzen oder Organisation,
  • klare und respektvolle Gesprächsführung,
  • Vermittlungsfähigkeit in Konflikten,
  • Kreativität, um neue Ressourcen und Ideen zu entdecken.

Die Aufgabe der Gemeindekirchenräte bleibt es, die unterschiedlichen Gaben und Dienste so zusammenzuführen, dass Gottes Versöhnung mit der Welt sichtbar wird und Menschen seine Liebe, Hilfe und Stärkung erfahren. Dafür braucht es Glaubwürdigkeit, Authentizität und eine solidarische Grundhaltung, die sich in gegenseitiger Unterstützung zeigt. Gelingen kann das, wenn die Gewählten und Berufenen glaubwürdig alle geeigneten und interessierten Menschen einbeziehen, ihre Gaben ernst nehmen und Verantwortung miteinander teilen (Empowerment).

Gemeindeleitung ist anspruchsvoll. Sie verlangt den Blick für das Ganze – die Entwicklung der Gemeinde – ebenso wie die Aufmerksamkeit für die konkreten Situationen der Menschen vor Ort.

Es geht darum, Ergebnisse zu erreichen, Resonanz bei den Menschen zu finden und spürbar werden zu lassen, wie die Gemeinde wächst. Dabei darf der Blick auf Ergebnisse nicht zu Leistungsdruck oder reiner Zielfixierung führen. Leitung dient nicht sich selbst und darf nicht in bloßer Selbstbeschäftigung stehen bleiben.

So unterschiedlich die Mitglieder des GKR auch sind – in Frömmigkeit, Lebenssituation und Erfahrung – sie teilen einen gemeinsamen Auftrag. Paulus beschreibt das mit dem Bild eines „Briefes Christi“ (2. Korinther 3,3): „[…], dass ihr ein Brief Christi seid durch unsern Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes.“ Dieses Bild verbindet, macht Mut und setzt Ideen frei.

Es braucht auch Achtsamkeit für die eigenen geistlichen Kräfte, die aus Gottes Kraft erwachsen. Es geht darum, spirituelle Ressourcen bewusst wahrzunehmen – sowohl persönlich als auch im Miteinander. Diese Aufmerksamkeit ist notwendig, weil die Anforderungen an Kirche und Gemeinde heute immens sind: den Ausgleich zwischen Generationen gestalten, Menschen erreichen, deren Leben bisher kaum mit dem Evangelium in Berührung gekommen ist, Orientierung geben in einer Welt voller Unsicherheiten und Risiken, geprägt von rasantem digitalem, ökologischem, wirtschaftlichem und globalem Wandel. Hinzu kommt die Suche nach Relevanz und Resonanz in einer vielfältigen Gesellschaft – bei zugleich begrenzten Kräften und knapper werdenden materiellen Ressourcen.

Bei allen Anforderungen an Leitung ist es umso wichtiger, die eigenen Kraftquellen im Blick zu behalten – sowohl persönlich als auch im Miteinander.

Es braucht geschützte Räume, um Motive und Kräfte offen zu klären, Belastungen zu benennen und sich gegenseitig Unterstützung zu geben. So lässt sich immer wieder prüfen, welche Kräfte und Möglichkeiten vorhanden sind und wie achtsam der Dienst an den Mitmenschen geschieht. Solche Klärungen brauchen bewusste Formen und feste Zeiten des Gesprächs. Dann kann Leitung entlastend und stärkend zugleich wirken. Entscheidend ist, Anspruch und Zuspruch Gottes zusammenzuhalten: „Prüft alles, und behaltet das Gute“ (1. Thessalonicher 5,21).

Es ist gut und wichtig, dass Sitzungen des GKR mit einem geistlichen Einstieg beginnen:

  • einem Gebet oder Psalm,
  • einer kurzen Lesung,
  • einem Moment der Stille,
  • einem gemeinsamen Lied.

Eine geeignete Methode zum Einstieg kann auch das Bibelteilen sein. Am Ende steht der Segen Gottes (und das Vaterunser).

Diese geistlichen Momente sind keine bloße Routine, sondern helfen, sich auf das Wesentliche auszurichten. Sie eröffnen die Möglichkeit, Gottes Wirken sowohl im Gelingen als auch im Scheitern wahrzunehmen. Sie schaffen Raum, eigene Zweifel und Fragen ehrlich anzuschauen und neue Kraft für die Aufgaben zu schöpfen. Zugleich wird eine offene und echte Begegnung untereinander ermöglicht, in der auch Kritik ihren Platz hat. So wird eingeübt, Projekte und Vorhaben nicht nur zu beginnen, sondern sie zum richtigen Zeitpunkt auch bewusst loszulassen und zu beenden.

Die Gestaltung kann variieren, zum Beispiel auch in Form einer Tischgemeinschaft der Leitenden zu besonderen Zeiten und Anlässen. Solche gemeinsamen Mahlzeiten können auf einer jährlichen Klausur stattfinden, aber auch vor oder nach einer längeren Sitzungspause. Dabei muss es nicht immer das Abendmahl sein; auch ein Agapemahl* kann die Gemeinschaft stärken, Vergebung und Neuanfang ermöglichen, Hoffnung schenken und daran erinnern, dass im Teilen der Gaben ein besonderer Reichtum liegt.

(*Agapemahl: gemeinsames Essen, das an die Mahlzeiten von Jesus und seinen Jüngern erinnert.)

In Zeiten von Krisen oder Veränderungen – etwa bei personellen Wechseln, Konflikten oder Umbrüchen in der Gemeinde – ist es wichtig, auf verlässliche Begleitangebote zurückgreifen zu können. Dazu gehören Oasentage, Coaching, persönliche geistliche Begleitung durch geschulte Personen, gemeinsames Pilgern oder Einkehrtage in Klöstern und Gemeinschaften der EKBO und anderer Landeskirchen.

Zudem trägt die Gemeinde selbst: Wenn im Gottesdienst regelmäßig für die Arbeit des GKR gebetet wird, stärkt das den Rückhalt und macht die Leitung spürbar zu einer gemeinsamen Aufgabe.


Praxishilfe Ehrenamt, hg. vom Amt für kirchliche Dienste unter der Projektleitung von Dr. Christiane Metzner, 2018, S. 92f.
Zur inhaltlichen Vertiefung: Christian Grethlein, Kirchentheorie. Kommunikation des Evangeliums im Kontext, De Gruyter 2018