Berufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Bereits früh haben sich in den christlichen Gemeinden in der Weise ‚Berufe‘ herausgebildet, dass Einzelne mit besonderen Aufgaben betraut wurden und dafür die Gemeinde mit für ihren Lebensunterhalt aufkam. Damit einher ging von Anfang an die Tendenz zur Arbeitsteilung und Spezialisierung. Einen großen Schub in der Entstehung neuerer diakonischer und gemeindebezogener Berufe jenseits des Pfarramts und des schulischen Lehramts gab es seit dem 19. Jahrhundert als Reaktion auf besondere soziale, gesellschaftliche oder kirchliche Notsituationen oder Missstände im Zusammenhang von Industrialisierung und Verstädterung ehemaliger Landbevölkerung. Arbeiterfamilien lebten in prekären Lebenslagen, Familien, Kinder und Jugendliche in sozialen Notlagen und Bildungsarmut. Christlich motivierte Menschen erkannten die Not. Sie engagierten sich, um Bedürftigen nicht nur akut zu helfen, sondern sie zu befähigen, neue Perspektiven zu entwickeln durch Bildung und soziales Engagement. Daraus entstanden noch heute existierende Berufe wie Diakonin, Gemeindehelferin, Katechet oder Gemeindepädagogin, Erzieher oder Heilerziehungspfleger. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von kirchlichen Berufen bzw. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit ganz unterschiedlichen Qualifikationen in sehr unterschiedlichen Feldern beruflich in der Kirche, Diakonie, Sozialer Arbeit oder Bildung tätig sind, u.a. als Gemeinde- oder Sozialpädagoginnen, Lehrer bzw. schulische Lehrkräfte, Pfarrerinnen, Erzieherinnen in Tageseinrichtungen für Kinder oder in der Tagespflege, Kirchenmusikerinnen, Diakone, Küsterinnen und viele andere mehr. Die Aufgaben der sogenannten gemeindebezogenen Dienste sind in besonderer Weise durch einen ständigen Wandel herausgefordert.

Gesellschaftliche und kirchliche Veränderungen
Unsere Gesellschaft ist nicht mehr mehrheitlich christlich und die Kirche ist geprägt durch zunehmende Säkularität bzw. ethnische, kulturelle und religiöse Pluralität. Arbeitswelt und Erwerbsleben wandeln sich von der Industrie- zur wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft. Die elektronischen Medien und Kommunikationsmittel in nahezu allen Lebensbereichen und Berufsfeldern, aber auch Veränderungen der öffentlichen Wahrnehmung von Kirche und der Rolle der Öffentlichkeit in der Mediengesellschaft eröffnen völlig neue Perspektiven. Das alles wirkt sich auf die Tätigkeit kirchlicher beruflicher Mitarbeitender aus. Die Anforderungen an die einzelnen Berufsgruppen werden in mancher Hinsicht immer anspruchsvoller und komplexer.

Für viele berufliche Tätigkeiten haben sich die Profile und Bezeichnungen verändert oder es gibt gar keine festen Ausbildungs- und Berufsprofile mehr. Aktuell wird eher danach gefragt, welche Kompetenzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sollten, um bestimmte berufliche Aufgaben bewältigen zu können. Zu den Kompetenzen gehören Wissen und Fertigkeiten genauso wie soziale Kompetenzen und die Selbständigkeit als Person. Für die Kirchengemeinde (und den Kirchenkreis) heißt das, sich zunächst genau darüber zu verständigen, für welche Aufgaben jemand beruflich angestellt werden soll. Geeignete Mitarbeiter finden sich dann nicht nur in vormals klassischen kirchlichen Ausbildungsberufen oder aufgrund entsprechender Berufsabschlüsse, sondern mit verwandten oder auch zunächst fachfremden Qualifikationen bzw. Zusatzqualifikationen oder aufgrund einschlägiger anrechenbarer Berufserfahrung trotz anderweitiger formaler Qualifikation (Berufsabschluss). Diese Entwicklung ist nicht kirchenspezifisch, sondern allgemein zu beobachten.

Anforderungen an kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Diese Komplexität fordert ein verändertes Selbstverständnis kirchlicher Dienste und Funktionen. Berufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen immer wieder vor der Aufgabe, die Bedingungen für ihre Arbeit selbst zu schaffen und eigene Konzepte und Arbeitsansätze zu entwickeln. Sie müssen fachlich kompetent, zugleich menschlich integer und authentisch und im Blick auf die kirchlich-theologische Begründung und Orientierung aussagefähig sein. Sie müssen fähig sein zu situationsbezogenen Entscheidungen und konzeptioneller Vergewisserung, zu langfristiger Planung und schrittweiser Umsetzung neuer Arbeitsformen und Strukturen. Berufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen in besonderer Weise vor der Aufgabe, das Evangelium in elementarer Form situationsgerecht und differenziert in Tat und Wort zu vermitteln und andere für diese Aufgabe zu befähigen. Dabei geht es zugleich um die Artikulationsfähigkeit über den eigenen Glauben als auch die Pluralitätsfähigkeit im Zusammenleben mit Anderen. Es geht um theologische Sprachfähigkeit, fachspezifische Kenntnisse und Fähigkeiten und zugleich um Kooperationsfähigkeit und den Willen zur Vernetzung. Und es geht um eine Veränderung der Rolle: Zunehmend liegen die Aufgaben nicht allein in der direkten Arbeit mit Gruppen und Einzelnen, sondern in der Anleitung und Begleitung von Engagierten in möglichst eigenständigen, selbsttragenden Arbeitsformen. Das erfordert neben den fachspezifischen und theologisch-pädagogischen Kompetenzen auch Fähigkeiten im Management und Organisation.

Zu beachten ist, dass sich die Prozesse in der Kirche unterschiedlich vollziehen, je nach Situation der Gemeinde. Die hohe Dynamik und Flexibilität in den Strukturen und Konzepten sowie die oft veränderlichen Rahmenbedingungen in der Kirche führen notwendigerweise immer wieder zu selbstkritischen Frage nach Sinn und Nutzen des eigenen beruflichen Handelns.

Unterstützung und Begleitung
Diese Situation erfordert eine gute Unterstützung und Begleitung sowie eine wertschätzende kollegiale Einbindung in plausible Arbeitsstrukturen und partnerschaftlich arbeitende Teams beruflicher und ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Gemeinschaft der Dienste ist nach wie vor eine wichtige Grundbestimmung von Pfarramt und gemeindebezogenen Berufen. Das Pfarramt wird mehr als bisher mit Elementen und Aufgaben der Kooperation, Vernetzung, des Austausches, Organisation und Management bestimmt. Die gemeindebezogenen Dienste stehen vor der Aufgabe, immer wieder zwischen der Notwendigkeit inhaltlicher Profilierung, örtlicher Zuordnung und fachspezifischer Tiefe sowie konzeptioneller Breite, ortsübergreifender Aufgabenvielfalt und Aufgaben der Koordination und Anleitung zu entscheiden.

Für die einzelne Kirchengemeinde und die Arbeit des Gemeindekirchenrates ergibt sich aus den geschilderten Prozessen und Perspektiven, dass es je nach Größe der Kirchengemeinde oft nicht (mehr) leistbar und sinnvoll ist, selbst als Anstellungsträgerin zu fungieren. Insbesondere im ländlichen Bereich erfolgen Personalplanung, Anstellung, Personaleinsatz und Begleitung mit Dienst- und Fachaufsicht auf der Ebene des Kirchenkreises bzw. durch den Kirchenkreis. Für den Gemeindekirchenrat bedeutet das eine veränderte Aufgabe: Er muss klären, wie die beruflichen Aufgaben für die gemeindebezogenen Dienste zwischen der Mitarbeiterin, dem Kirchenkreis und den möglichen Einsatzorten abgestimmt werden können und wie eine gute Begleitung erfolgt.

Leitbilder
Unsere Kirche hat die sich daraus ergebenden Aufgaben und Zielsetzungen im Rahmen ihres Reformprozesses „Salz der Erde“ mehrfach beschrieben. Deshalb wurde bereits 2005 ein Leitbild für den Pfarrberuf erarbeitet.
Die Erarbeitung weiterer Leitbilder für andere kirchlichen Berufsgruppen folgte. In den Jahren 2009/10 hat die Kirchenleitung dann konkret die folgenden drei Leitbilder verabschiedet:

  • Das Leitbild für Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen mit Fachschulabschluss.
    Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen sind Spezialisten für pädagogisches Arbeiten in der Kirche. Sie stehen mit beiden Beinen im Leben der Gemeinden und nehmen konzeptuale wie operative Aufgaben in den Gemeinden und Regionen wahr. Zusammenarbeit von beruflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist für sie dabei eine wichtige Grundlage. In einer insgesamt vierjährigen Ausbildung erwerben die Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen vielfältige Kompetenzen. Sie sind ebenso in der Lage, unterrichtliche Verfahren einzusetzen wie sie Projekte erarbeiten und durchführen können. Sie sind teamfähig und können ihr pädagogisch-theologisches Fachwissen auf die Menschen beziehen, mit denen sie arbeiten. Sie sind fähig, die gemeindepädagogische Situation vor Ort, in den Regionen und in den Kirchenkreisen zu analysieren, zu beurteilen und zu verändern. Sie haben gelernt, Ehrenamtliche für die Arbeit zu motivieren und mit ihren partnerschaftlich zusammen zu arbeiten. Vielfach verfügen sie über besondere kreative oder musische Fähigkeiten, mit denen sie Menschen begeistern können.
  • Das Leitbild für Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker
    Im Leben der Kirchengemeinden spielt die Musik eine entscheidende Rolle. Musik ist Trägerin der Botschaft der Kirche, des Evangeliums. Sie ist zugleich dankbare Antwort der Gemeinde und des einzelnen Menschen auf Gottes Wort. Menschen dazu anzuleiten, werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gebraucht, die Musiker sind und die Botschaft der Kirche in ihrem musischen Bereich mit der Gemeinde gestalten wollen. In diesem Bereich hat es immer eine starke Verbindung zur Kultur der jeweiligen Zeit gegeben. Das ist auch heute so. Die Kirchenmusikerin verantwortet und leitet die Kirchenmusik im Gottesdienst. Er ist Organist und Kantor zugleich. Als Orgelspieler gestaltet er die Gottesdienste wesentlich mit. Er kann sich im künstlerischen Orgelspiel als Solist der Gemeinde und der Öffentlichkeit in Konzerten präsentieren. Als Kantor oder Kantorin arbeitet er oder sie mit Gemeindegruppen aller Altersstufen und sammelt oft über die Kirchengemeinde hinaus Menschen in Chören zum gemeinsamen Singen und Spielen. Für diesen Beruf sind Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Chorleitung, im Singen, im Klavier- und Orgelspiel und im Spielen eines weiteren Musikinstrumentes, theologisches Wissen und pädagogisches Können für die Arbeit mit Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen erforderlich. Neben der Ausbildung zur hauptamtlichen Kirchenmusikerin gibt es die Ausbildung zur nebenamtlichen Kirchenmusikerin. Es werden auch ehrenamtliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker ausgebildet, die im Gottesdienst und/oder der Chorarbeit ihren Dienst tun.
  • Das Leitbild für Diakoninnen und Diakone
    Diakoninnen und Diakone sind Mitarbeiter, die in der Kirche und ihrer Diakonie eine besondere Aufgabe wahrnehmen. Ihr Beruf geht auf die ersten christlichen Gemeinden zurück. Ihnen wurden Aufgaben der sozialen Fürsorge und der Verkündigung übertragen. Sie verbinden das Evangelium mit der helfenden Tat und die helfende Tat mit dem Evangelium. Damit hat die Diakonin oder der Diakon einen Auftrag im Zentrum der christlichen Botschaft. Die Arbeitsfelder von Diakoninnen und Diakonen sind vielfältig: kirchliche Kinder- und Jugendarbeit, gemeindepädagogischer Dienst, kirchliche Erwachsenenarbeit und Seniorenbildungsarbeit – das sind Arbeitsfelder von Diakoninnen und Diakonen in der evangelischen Verkündigung und Bildungsarbeit. In der Jugendhilfe, in offener Sozialarbeit, bei Menschen mit geistiger Behinderung, in Krankenhäusern und Sozialstationen, in Kindergärten, Kinderhorten, in Einrichtungen der sozialen Rehabilitation, in der Altenhilfe und in diakonischen Werken arbeiten Diakoninnen und Diakone ebenfalls. Eine bewusste Nachfolge Jesu in christlicher Lebensgestaltung gehört zum Wesen des Dienstes von Diakoninnen und Diakonen. In diesen Dienst werden sie deshalb von der Kirche eingesegnet und gesandt.

Perspektiven
Die zunehmende Vielfalt und Komplexität der Aufgaben, die Entwicklung verfügbarer finanzieller Ressourcen sowie die Frage nach der Qualität der Arbeit werfen grundsätzliche Fragen nach der Personalausstattung und der Fachkräfteentwickung auf – auch im Miteinander von Ehrenamt und Beruflichkeit. Landeskirchenübergreifende kompatible Rahmenbedingungen müssen die heute weitgehend selbstverständliche Mobilität ernst nehmen, eine flexible und zugleich verlässliche Lebensplanung ermöglichen und dem Vergleich mit außerkirchlichen Angeboten standhalten. Zwischen Landeskirchen, aber auch innerhalb der Landeskirche wird der Wettbewerb um Fachkräfte zunehmen. Die Landeskirchen müssen aus der bildungspolitischen Gesamtentwicklung Konsequenzen ziehen und die von ihr verantwortete Ausbildung für kirchliche Berufe den staatlichen Ausbildungsstandards angleichen. Wichtige Bausteine für die Qualitätsentwicklung sind bereits eingeführt oder in der Phase der Entwicklung.

Arbeitsplatzbeschreibung und Dienstanweisung
So regelt eine 2012 eingeführte Richtlinie zur Arbeitsplatzbeschreibung und Erstellung von Dienstanweisungen für den Gemeindepädagogischen Dienst mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendarbeit den Rahmen für die Festlegung von Aufgabenschwerpunkten, der Arbeitszeit und der Rahmenbedingungen gemeindepädagogischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Richtlinie Arbeitsplatzbeschreibung.

Für den Dienst von Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern ist der Einsatz durch eine Rechtsverordnung (Kirchenmusikordnung – KmusO, Rechtssammlung der EKBO – RS 192) geregelt. Sie wird durch eine Musterdienstanweisung und eine Richtlinie zur Berechnung des Beschäftigungsumfangs ergänzt: http://www.kirchenrecht-ekbo.de/document/13537.

Fachaufsicht
Um die fachliche Anleitung, Unterstützung, Reflexion und Weiterentwicklung der gemeindepädagogsichen Arbeit in den Kirchenkreisen sowie insgesamt die Qualität der Arbeit besser zu gewährleisten, wurde eine Richtlinie über Fachaufsicht, Leitungsfunktionen und Leitungsstrukturen der Arbeit mit Kindern und Familien sowie der Arbeit mit Jugendlichen in den Kirchenkreisen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vom 15. November 2013 erlassen.

Für den kirchenmusikalischen Dienst erfolgt das im Nachgang der Bischofsvisitation zur Kirchenmusik.

Fortbildung
Die Rechte, Pflichten und Rahmenbedingungen für die berufliche bzw. berufsbezogene Fort- und Weiterbildung sowie anderweitige Qualifizierung und Weiterentwicklung der Mitarbeitenden regelt das Kirchengesetz über die berufliche Fortbildung in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (Fortbildungsgesetz – FortBG) vom 15. November 2014: http://www.kirchenrecht-ekbo.de/document/239.

Berufskonzeption
Aus den bereits verabschiedeten Berufsbildern ergibt sich die weitergehende Notwendigkeit, diese wechselseitig aufeinander zu beziehen und auch im Kontext mit noch anderen kirchlichen Berufen sowie mit verwandten Berufsfeldern in einer Berufskonzeption zu beschreiben. Die Kirche steht vor der Aufgabe, grundsätzlich und systematisch zu begründen und zu beschreiben, welche ihrer Grundfunktionen und Aufgaben ihr so wichtig sind, dass sie dafür auch unter sich verändernden gesellschaftlichen, kirchlichen, besonders auch finanziellen Bedingungen eine Grundstruktur mit beruflicher Absicherung aufrecht erhalten will. Dabei ist auch die Frage zu beantworten, auf welche Weise in der EKBO Mitarbeitende gewonnen, ausgebildet und weiter qualifiziert werden. Letztlich geht es um die Frage nach dem Profil, der Qualität und der Verlässlichkeit der kirchlichen Arbeit.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Matthias Spenn, Pfarrer und Direktor des Amts für kirchliche Dienste in der EKBO.

(Stand 2016)