Der kirchliche Leitungsauftrag

Grundinformation
Ein Kennzeichen der evangelischen Kirche ist ihre Verfassung (Grundordnung), die vorsieht, dass alle Entscheidungen in ihr durch gewählte Gremien getroffen werden. Das beginnt in den Gemeindekirchenräten (Presbyterien), setzt sich fort in Kreis- und Landessynode, aus denen die Kreiskirchenräte und die Kirchenleitung gewählt werden. Es gibt zwar in den jeweiligen Gremien „geborene“ Mitglieder (Geistliche), die aber nie die Mehrheit haben. So ist die Ordnung der evangelischen Kirche durchgängig eine presbyterial-synodale.

Diese Art der Kirchenleitung nimmt ernst, dass der Heilige Geist nicht nur einem oder einer gegeben ist, sondern sich in der beständigen Beratung der Gemeindeglieder zum Nutzen aller durchsetzt. „Der Heilige Geist erbaut und leitet die Gemeinde durch vielfältige Gaben und Dienste. Sie dienen alle dem einen Amt, dem sich die Kirche verdankt und das ihr aufgetragen ist: die in Christus geschehene Versöhnung Gottes mit der Welt zu bezeugen und zur Versöhnung mit Gott zu rufen.“ (Grundordnung der EKBO II, 2)

Die in Christus geschehene Versöhnung in der Gestaltung der Gemeinde und Kirche auszudrücken, ist die bleibende Aufgabe aller kirchlicher Tätigkeiten und Strukturen. Die Leitung ist gefordert, den Zusammenhang von biblischer Tradition und gegenwärtiger kirchlicher Lehre deutlich zu machen. Hier haben alle Leitungsorgane ihr Thema und ihre Aufgabe, die sie je neu in den Überlegungen und Entscheidungen zum Weg der Gemeinde ausdrücken. Die Gemeinde wie auch die Kirche als ganze sind ein lebendiger Kommentar zur Heiligen Schrift.

Das Wesen der Gemeinde besteht darin, die gute, befreiende Botschaft Gottes zu hören, aber zugleich sie weiter zu geben. Wort Gottes, Gestalt der Gemeinde und Leben des Einzelnen gehen dabei Hand in Hand und dürfen nicht voneinander getrennt werden, sonst verfehlt die Kirche ihren Sinn und ihre Aufgabe. So ist es gut evangelisch, dass die gesamte Gemeinde, besonders aber die Leitungsgremien ihre Verantwortung so wahrnehmen, dass sie dem Auftrag des Apostels: „Prüfet alles, aber das Gute behaltet“ (1. Thess. 5,21) nachkommen.

Hierin liegt der Grund, warum kirchliche Sitzungen mindestens mit Schriftwort und Gebet beginnen, damit sich nämlich die Versammelten auf den Gehalt des Glaubens besinnen, um ihn in den Gesprächen und Beschlüssen zum Tragen zu bringen. Da es aber nicht nur ein Verständnis der Heiligen Schrift gibt und geben kann, ist das wechselseitige Gespräch Kern jedes evangelischen Leitungshandelns.  Gemeinsam sind jede Gemeinde und zugleich alle Gemeinden in der evangelischen Kirche und in der Ökumene unterwegs, um die Fülle des Lebens, die Jesus Christus zusagt, zu entdecken. Das bedeutet, dass wir aufeinander hören, uns gegenseitig befragen und uns wechselseitig ernst nehmen. Wie gesagt: das gilt vor Ort  und für alle Welt, also ökumenisch.

Schließlich gehört es zu den Grundlagen der Arbeit im Gemeindekirchenrat, die Gesetze und Verordnungen zu beachten. Ein Blick in die Rechtssammlung der EKBO mit ihrem Stichwortverzeichnis ist vor Entscheidungen sinnvoll. Die Grundordnung (GO) gibt wichtige Elemente der Arbeit in den Gremien vor. Die Rechte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind formuliert im Tarifvertrag der EKBO (TV-EKBO) und ihre Vertretung im Mitarbeitervertretungsgesetz (MVG). Die Rechte und Pflichten des Pfarrdienstes finden sich im Pfarrdienstgesetz der EKD. Hinsichtlich der Wirtschaftsführung ist insbesondere das Haushalts-, Kassen- und Vermögensgesetz zu beachten (HKVG).

Praxisbausteine
Der Gemeindekirchenrat setzt sich aus gewählten Ältesten und „geborenen“ Mitgliedern (Pfarrerin/Pfarrer) zusammen. Gemeinsam leiten sie die Gemeinde. Dabei stehen Pfarrerinnen und Pfarrer im Dienst der Landeskirche. Ihre Dienstaufsicht wird durch die Superintendentin oder den Superintendenten sowie das Konsistorium wahrgenommen. Um zu gegenseitiger Klarheit und Verlässlichkeit zu kommen, ist es sinnvoll, eine Dienstvereinbarung gemäß dem Leitbild „Pfarrerin und Pfarrer  als Beruf“ zu schließen. Für andere beruflich Mitarbeitende ist gemäß Tarifvertrag eine Arbeitsplatzbeschreibung zu formulieren. Aber auch mit allen, die in der Gemeinde eine besondere Tätigkeit, ein (Ehren-) Amt, wahrnehmen, empfiehlt es sich, klare Vereinbarungen über die übertragenen Aufgaben zu treffen, um unnötige Reibungsverluste zu verhindern. Dabei ist es wichtig, eine zeitliche Befristung und regelmäßige Auswertungen (etwa ein Jahresgespräch)  vorzusehen, um die gemeinsamen Belange und Ziele zu bedenken. Eine gottesdienstliche Einführung in die jeweiligen Aufgaben und eine Verabschiedung aus dem Dienst sollten selbstverständlich sein und unterstreichen den Dienstcharakter vor Gott und der Gemeinde.

Für die Arbeit des Gemeindekirchenrats empfiehlt es sich, die Sitzungen nicht nur mit Schriftwort und Gebet zu beginnen, sondern sich Zeit zu nehmen, um einen Abschnitt der Schrift oder ein zentrales Thema im Gespräch zu erörtern.

Eine jährliche Klausur/ Rüste des GKR gibt die Möglichkeit sich intensiv über Vorhaben zu beraten und Ziele zu stecken. Ein Leitbild für die gemeinsame Arbeit zu entwickeln, kann dazu helfen, einen Grundkonsens zu beschreiben, auf den sich alle beziehen können. Dabei ist es sinnvoll, auch mittel- bzw. längerfristige Planungen, insbesondere im Gemeindeaufbau – welche Gruppen, welche Kreise, welche Aktionen können die Gemeinde voranbringen –, in den Personal-und Finanzplanungen sowie der Bauunterhaltung zu bedenken.

Regelmäßig soll der GKR alle in der Gemeinde Mitarbeitenden hören und mit ihnen gemeinsam beraten. Im Gemeindebeirat äußern die Gruppen und Kreise ihre Sicht auf die jeweilige Gemeindesituation.  Auch die Gemeindeversammlung dient dazu, so viele wie möglich mit ihren Einsichten und Erfahrungen in die Gestaltung der gemeindlichen Arbeit mit einzubeziehen.  Wo zeigen sich Probleme, welche neuen Ideen könnten auf den Weg gebracht werden? Respekt und Wertschätzung im Umgang miteinander motivieren alle. Den Geistlichen kommt dabei eine besondere Verantwortung zu, da sie in der Regel den besten Überblick über das, was in der Gemeinde geschieht und wer was nötig hat, haben. Diese Erkenntnisse müssen achtsam und kooperativ in die Gemeindearbeit eingebracht werden. Nicht alles, was „schon immer so war“, kann und sollte weitergeführt werden. Hier gilt es manchmal auch schmerzliche Entscheidungen zu treffen.

Eine besondere Aufgabe des GKR liegt darin, wahrzunehmen, dass es andere christliche Gemeinden in der Nachbarschaft gibt. Ökumenische Kontakte sollten aufgebaut und gepflegt werden. Schließlich ist jede Gemeinde in einen Kirchenkreis und in die Landeskirche  eingebunden. Nicht jede Gemeinde kann die Fülle möglicher Aufgaben leisten. So gilt es voneinander zu wissen, um zu einer Struktur zu finden, die viele Arbeitsbereiche übergemeindlich organisiert, damit sie überhaupt zuverlässig gestaltet werden können. Für die Zukunft unserer Kirche ist es wichtig, dass es eine Verständigung über die notwendigen Handlungsfelder – was unterstreicht unser evangelische Profil? – auf allen Ebenen gibt und die Aufgaben zielführend angepackt werden.

Die Ausrichtung aller kirchlicher Arbeit von der Ortsgemeinde bis hin zur Landeskirche muss darauf aus sein, dass Menschen zum Glauben an Jesus Christus, der erfülltes Leben ermöglicht, finden.

Weiterführende Hinweise
Recht der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (www.kirchenrecht-ekbo.de)
Barmer Theologische Erklärung (im Ev. Gesangbuch Nr. 810)
Kirche der Freiheit, EKD 2005
Hermelink, Jan, Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens, Gütersloh 2011

Dieser Beitrag wurde verfasst von Harald Grün-Rath, Superintendent i.R..

(Stand 2016)