Andacht – die kleine gottesdienstliche Form

Grundinformation
Andacht ist die Unterbrechung der Geschäftigkeit mitten im Alltag, um Stille zu finden, sich auf Gott und sich selbst zu besinnen und gestärkt wieder in den Alltag zurückkehren zu können. Anders als der Gottesdienst am Sonntag ist die Andacht nicht an eine bestimmte Form gebunden. Ihre Gestaltung ist grundsätzlich frei. Wer vor der Aufgabe steht, eine Andacht vorzubereiten und zu gestalten, kann sich jedoch an einem der bereits bewährten Modelle für Andachten orientieren. Dies kann z.B. eine schlichte Form mit Lied, Psalm, Lesung, Vaterunser und Segen sein. Das Evangelische Gesangbuch stellt daneben die Andacht nach Taizé und die auf den klösterlichen Stundengebeten beruhenden Tagzeitengebete zur Verfügung. Auf welches Modell zurückgegriffen wird, hängt von der persönlichen Neigung und von den Gepflogenheiten der Gruppe ab.

Ein Andachtsmodell stellt oft nur den Ablauf dar. Die Aufgabe besteht dann darin, die Struktur mit konkreten Inhalten zu füllen. Für die Auswahl von Bibeltexten für eine Lesung lassen sich die Herrnhuter Losungen nutzen. Hier findet man Texte für jeden Tag: Losung und Lehrtext sind oft gut geeignet oder auch die längeren Abschnitte der Morgen-, Abend und Tageslese. Für die Liedauswahl gibt der Aufbau des Gesangbuchs eine gute Orientierung. Nach Tages- und Kirchenjahreszeit sortiert, gibt es viele Möglichkeiten. Wichtig ist, darauf zu achten, dass es sich entweder um ein sehr bekanntes Lied handelt, oder dass jemand dabei ist, der ein Lied gut anleiten kann.

Bei der Vorbereitung einer Andacht stellt sich immer die Frage, ob ein biblischer Text auch ausgelegt werden soll. Das ist weithin üblich, aber es ist nicht zwingend nötig. Ein gut gelesener Text, dem eine Stille folgt, braucht keineswegs immer eine Auslegung. Wer sich dazu entschließt, etwas zum Text zu sagen, sollte sich zunächst kurz fassen. Zwei bis vier Minuten genügen, um eine Seite des Textes zu beleuchten und eine treffende Beziehung zum Heute herzustellen. Alles, was darüber hinaus geht, sprengt das Format einer Andacht, die insgesamt nicht länger als 10 Minuten dauern soll.

Die Freiheit der Gestaltung lässt es auch zu, etwas anderes zu wagen: ein Gedicht, ein kleiner Gegenstand, eine Zeitungsnotiz, ein Ereignis – all das und noch viel mehr kann in den Mittelpunkt einer Andacht gestellt werden. Immer soll aber im Blick bleiben, dass es um eine kurze Zeit der Besinnung geht. Darum liegt die Kunst in der Begrenzung. Weniger ist hier auf jeden Fall mehr! Und es kommt darauf an, einen Bezug zwischen meinem gewählten Thema, den Menschen, die die Andacht feiern und Gott herzustellen. Die Verbindung zu Gott kann schon durch einen kleinen Rahmen aus einem Eingangswort zu Beginn und einem Gebet mit Vaterunser und dem Segen am Ende geschaffen werden.

Für den Segen am Schluss einer Andacht gibt es die Form der Segensbitte („Gott, segne uns und behüte uns …“) oder des Segenszuspruchs („Es segne dich/euch und behüte dich/euch …). Die erste Form ist ein Gebet, die zweite spricht den Segen in Gestalt eines Wunsches zu und verbindet sich dann auch mit einer entsprechenden Geste, etwa den leicht nach vorn geöffneten Armen. Beide Formen sind möglich. Wer selbst gesegnet ist, kann den Segen, der von Gott kommt, auch weitergeben. Wer sich beides (noch) nicht zutraut, kann auch eine Segensstrophe aus dem Evan-gelischen Gesangbuch anstimmen.

Mit einer Andacht am Beginn einer Sitzung stellen sich alle Anwesenden unter Wort und Segen Gottes. Aktuelle Auseinandersetzungen und Konflikte, die eine Gruppe belasten, werden hier auf eine entlastende Art und Weise thematisiert: die Zusage Gottes gilt allen gleichermaßen, die Mahnung zum Frieden ebenso. Das Gebet bittet um Gottes Geist für alle. In angespannten Situationen ist es am besten, sich auf die für den Tag vorgeschlagenen Texte und vorformulierte Gebete aus dem Gesangbuch zu beschränken.

Damit eine Andacht ihren Sinn erfüllt, kommt es nicht nur auf die Struktur und die Inhalte, sondern auch auf die Art an, wie durch die Andacht geführt wird: mit ruhiger und klarer Stimme, nicht zu schnell, aber auch nicht betont feierlich langsam; mit klaren Gesten und Ansagen ohne langatmige, umständliche Erläuterungen. Gut vorbereitet ohne fliegende Zettel und mit nicht mehr als drei Büchern. Auch die Vorbereitung des Raumes gehört dazu: eine brennende Kerze z.B. markiert auch in einem nüchternen Raum, dass Menschen jetzt mit der Anwesenheit Gottes rechnen.

Wichtige Praxisbausteine
Übersicht einer Andacht:
Eingangswort: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
Lied: Morgenlieder Evangelisches Gesangbuch – EG Nr. 437-456; Abendlieder EG Nr. 467-493; Lieder für das Kirchenjahr EG Nr. 1-154
Psalm: Wochenpsalm nach dem Liturgischen Kalender EG Nr. 954 oder frei gewählt aus EG Nr. 701-760
Lesung: Losung und Lehrtext; Tageslese nach den Herrnhuter Losungen, ein frei gewählter Text aus der Bibel
Auslegung: eigene Gedanken zum Text oder eine vorgetragene Auslegung
Gebet: selbst formuliert und notiert oder frei gesprochen; EG Nr. 815-899
Liedstrophe: das Lied zu Beginn kann geteilt werden; manche Liedstrophen sind Gebetsstrophen und können das Gebet ersetzen
Vaterunser: EG Nr. 813 oder gesungen mit EG Nr. 471,5
Segen: gesprochen oder gesungen mit EG Nr. 438,6; 451,5; 494,2; 496; 503,13

Weiterführende Hilfen
•    Das Evangelische Gesangbuch bietet neben der einfachen Andacht noch weitere Andachtsmodelle, die jedoch mehr Einübung und sängerisches Geschick erfordern. Die Tagzeitengebete EG Nr. 782-788 lassen sich aber auch sprechen statt singen und geben so ein einfach zu gestaltendes Andachtsmodell ab. Hierauf kann man z.B. zurückgreifen, wenn mehrere Andachten zu unterschiedlichen Tageszeiten zu gestalten sind.
•    Auf dem freien Markt gibt es eine große Fülle von Literatur mit vielen Anregungen. Bewährt hat sich der Neukirchner Kalender, der „Gottes Wort für jeden Tag“ mit kurzen Auslegungen enthält.
•    In der Regel wird im Gottesdienst aus der Lutherbibel gelesen. Für Andachten ist daneben die Basisbibel zu empfehlen, die eine gute und verständliche neue Übersetzung bietet und daneben kurze Erklärungen. Sie ist im Internet zugänglich und liegt bisher für das Neue Testament und die Psalmen vor.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Dr. Ilsabe Alpermann, Pfarrerin und Studienleiterin für gottesdienstliche Fragen und die Ausbildung von Lektoren und Prädikanten im Amt für kirchliche Dienste in der EKBO.

(Stand 2016)